Reutlinger Generalanzeiger - Ein Dorf macht sich unabhängig

Nahwärme - In Böhringen werden allein im ersten Bauabschnitt rund 285 000 Liter Heizöl gespart

Ein Dorf macht sich unabhängig

VON THOMAS FÜSSELRÖMERSTEIN-BÖHRINGEN. Einzelne Haushalte werden schon vorher angeschlossen. Bis Weihnachten soll er dann fertig sein, der erste Bauabschnitt des Nahwärmenetzes in Böhringen. 130 Häuser heizen dann mit regenerativer Energie, die der Loserhof und zusätzlich eine Holzhackschnitzelanlage liefern. Zunächst für die Gebiete »Höhe« und »Über Berg-Höhe« sowie für Teile der Hinter-Höfen-Siedlung. Rund 2,5 Millionen Euro investiert dafür die kleine im Januar 2013 gegründete Genossenschaft »Neue Energie Römerstein«.

Die Leitungen liegen schon (von links): Christoph Nöchel, Birgit Schmauder, Dieter Haubensack, Hans Sigel und Christian Class von der Genossenschaft »Neue Energie Römerstein«. GEA-FOTO: FÜSSEL

Eine von Bürgern für Bürger ins Leben gerufene Gesellschaft, die sich aufgemacht hat, den Ort energetisch unabhängiger zu machen. Mit dem ersten Bauabschnitt soll zudem nicht Schluss sein. Die Genossenschaft möchte auch den alten Ortskern mit seinen öffentlichen Gebäuden mit Nahwärme versorgen. Böhringen könnte damit das größte Bioenergiedorf Deutschlands werden. Dafür allerdings müsste noch eine weitere Wärmequelle hinzukommen. Doch zunächst muss der erste vor dem zweiten Schritt gemacht sein, um die oben genannten Gebiete mit Nahwärme zu versorgen.

Im Juli 2012 gab es erste Überlegungen dazu. Die Biogasanlage von Christoph und Ulrich Loser, direkt an der Straße nach Strohweiler gelegen, produziert neben Strom, der ins Netz eingespeist wird, auch enorme Mengen an Abwärme, die bis dahin ungenutzt verpufft sind. Die Losers und weitere Bürger, an deren Spitze der frühere Bürgermeister Hans Sigel steht, machten sie daraufhin Gedanken, wie diese Wärme sinnvoll genutzt werden kann. Die Idee eines Nahwärmenetzes war geboren.

Holz aus eigenem Wald

Inzwischen zählt die Genossenschaft 181 Mitglieder, die 202 Anteilsscheine in Höhe von 1 000 Euro gezeichnet haben. Auch die Gemeinde ist mit im Boot. Hinzu kommt ein Baukostenzuschuss in Höhe von 700 000 Euro, den diejenigen aufbringen, deren Häuser an das Netz angeschlossen werden. Auf 200 000 Euro beläuft sich der sogenannte Bioenergiedorfzuschuss des Bundes. Der Rest wird über ein Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) aufgebracht.

Alles ehrenamtlich vorangetrieben. Mit ein bis zwei Stunden Arbeit pro Tag war dies nicht getan. Für den Vorstand der Genossenschaft wurde es fast zum Fulltime-Job, erklärt Aufsichtsratsmitglied Christoph Nöchel. Doch das scheint sich zu lohnen: »Wir sparen allein im ersten Bauabschnitt 285 000 Liter Heizöl jährlich. Im Endausbau bis zu 650 000 Liter«, sagt Hans Sigel.

Der Loserhof alleine schafft dies nicht, doch für die Grundlast reicht dessen Abwärme aus. Hinzu kommt deshalb eine Holzhackschnitzelanlage, die ausschließlich mit Holz aus dem Römersteiner Wald versorgt wird. Auf einen zusätzlichen Ölkessel, wie zunächst befürchtet worden war, kann dagegen verzichtet werden.

Nur eine Unstimmigkeit gibt es derzeit, die aber, so hofft die kleine Genossenschaft, noch ausgeräumt werden kann. Es geht um den sogenannten Konzessionsvertrag, der die Nutzung der Straßen und Wege für die bereits verlegten rund sechs Kilometer langen Leitungen regelt. Darin ist zwar festgeschrieben, dass die Genossenschaft dafür keine Abgaben leisten muss, der vorliegende Vertrag weist jedoch nur eine Laufzeit von zehn Jahren auf, was der Genossenschaft zu kurz gegriffen ist. »Zur Absicherung unserer Investitionen brauchen wir eine längere Laufzeit.« Deren Abschreibung ist immerhin auf 40 Jahre ausgelegt. »Wir werden uns einigen«, zeigt sich Hans Sigel zuversichtlich.

Und wo liegt der Vorteil für die Nahwärmekunden? Die reinen Heizkosten dürften kaum sinken, sagt Christian Class, der sich bei der Genossenschaft um den technischen Teil kümmert. Allerdings fallen Wartung und Erneuerung der eigenen Anlage weg, auf die ganz verzichtet werden kann, was mehr Raum bedeutet. Theoretisch ist auch kein Kamin mehr notwendig, was sich alles zusammen bei einem Neubau auf gut 60 000 Euro Investitionsersparnis summiert, rechnet Class vor. (GEA)